Passivhaus-Vater Wolfgang Feist: Wie wohnen wir 2040?


Der TRAV®frame von HELLA hat das Zertifikat des Passivhaus-Institutes erhalten. Das ist eine Art Ritterschlag für Energieeffizienz bei Bauprodukten. Für die HELLA Blog-Redaktion ist das ein guter Grund, dem Gründer der Passivhaus-Idee, Prof. Wolfgang Feist, einige Fragen zum Bauen der Zukunft zu stellen.

Warum ist eigentlich nicht jedes neue Haus ein Passivhaus?

Wolfgang Feist: Angesichts der unbestreitbaren Vorteile stellt sich diese Frage – und sie ist natürlich eher von denen zu beantworten, die sich noch nicht zum Bau in diesem Standard entschließen. Manchmal hören wir das Argument: „Das Passivhaus ist in den Investitionskosten teurer“ – und das ist im Allgemeinen sogar richtig, allerdings ist die Kostendifferenz inzwischen bei zirka 5% der Baukosten nur gering und sie wird durch den Mehrwert und die geringeren Betriebskosten mehr als aufgehoben. Immer noch im Umlauf sind Gerüchte wie „Fenster lassen sich nicht öffnen“ (das ist Unsinn, alle von uns begleiteten Passivhäuser haben öffenbare Fenster) oder „es wird im Sommer zu warm“ (das ist bei korrekter Planung definitiv nicht der Fall). Das hängt vielfach mit fehlenden Kompetenzen zusammen – weshalb sich das Passivhaus Institut auch stark bei der Weiterbildung aller am Bau Beteiligten engagiert.

Welche Rolle spielt der Sonnenschutz in einem Passivhaus? Stichwort Klimawandel.

Moderne Gebäude haben im Allgemeinen größere Glasflächen als Altbauten – und das ist gut für das Tageslicht und das Wohlbefinden der Menschen. Durch die großen Fenster kommt auch mehr Sonnenenergie in den Innenraum – im Winter ist das sogar nützlich, es kann aber im Sommer zu unbehaglich hohen Temperaturen führen. Wie Sie schon als Stichwort vorgegeben haben, wird diese sommerliche Wärmelast durch den Klimawandel noch weiter verstärkt. Die Sicherstellung einer guten sommerlichen Behaglichkeit wird daher ein immer wichtigeres Planungsziel – deshalb gibt es im Passivhaus-Planungs-Paket eine eigene Rubrik für das Sommerverhalten. Durch kluge Kombination von baulichen und gebäudetechnischen Maßnahmen lässt sich so schon im Entwurf das Problem vermeiden. Der Sonnenschutz ist dafür eine bedeutende Komponente – wichtig ist vor allem, dass die Kennwerte zuverlässig dokumentiert sind und daher ein zielführender Entwurf möglich wird.

Wer kann ein Passivhaus planen? Wer kann eines bauen, und was benötigt er dafür?

Jeder Architekt, der sich die grundlegenden Kenntnisse erworben hat, kann ein Passivhaus planen – alle zugehörigen Prinzipien sind publiziert und öffentlich zugänglich. Gerade bei einem ersten Projekt ist es ratsam, mit einem erfahrenen Passivhaus-Planer oder Berater zusammen zu arbeiten. Mehr als 4000 Architekten und Ingenieure haben inzwischen eine einschlägige Ausbildung mit Prüfungsabschluss abgelegt. Gebaut werden kann in jeder Bauweise und mit jedem qualifizierten Unternehmen. Wir empfehlen die Verwendung zertifizierter Komponenten, die es für Wand- und Dachkonstruktionen, Fenster, die Luftdichtheit, Lüftungsanlagen und viele weitere Bauteile gibt. Das wichtigste Hilfsmittel für Planung und Bau eines Passivhauses ist das Passivhaus Projektierungs-Paket (PHPP), das eine umfassende Optimierung erlaubt und auch die Kommunikation im Planungsprozess erleichtert.

Sie zertifizieren Komponenten für das Passivhaus. Worauf legen Sie dabei Wert?

Die Zertifizierung zielt auf die Erleichterung und Zuverlässigkeit des Planungs- und Realisationsprozesses. Zertifizierte Produkte haben regelmäßig um Faktoren (meist mehr als zwei) bessere Kennwerte als die meist heute noch üblichen Bauteile. Dadurch stellen wir sicher, dass es z.B. keine kalten Innenoberflächen an der Außenhaut mehr gibt – wodurch sich die Behaglichkeit verbessert, das Bauschadensrisko verringert und der Energieverbrauch reduziert. Die Verwendung der korrekten Kennwerte aus dem Zertifikat hilft dabei, sonst immer wieder beklagte Abweichungen zwischen der Planung und dem aktuellen Betrieb zu vermeiden (Stichwort: „performance-gap“: die Statistik gemessener Objekte zeigt, dass zertifizierte Passivhäuser hier positiv auffallen).

Sie kennen das Low-Tech-Building von Baumschlager-Eberle in Lustenau, das ohne Heizung, Lüftung und Kühlung auskommen soll. Funktioniert das, beziehungsweise ist das eine grundsätzlich spannende Denkrichtung?

Grundsätzlich ist jede Denkrichtung spannend – „Der Kopf ist Rund, damit die Gedanken ihre Richtung ändern können“. In manchen Klimazonen ist über das Passivhaus hinaus der vollständige Verzicht auf alle aktive Gebäudetechnik denkbar – nach unserer Erfahrung aber nicht unbedingt ein Vorteil. Ein Gebäude „weiß“ ja nicht von vorn herein, welche Temperaturen zum Beispiel vom Nutzer gewünscht werden. Im Passivhaus hält sich der Aufwand für die aktive Technik in einem sehr kleinen Rahmen. Die erforderlichen Leistungen sind so minimal, dass hier bereits ein Optimum erreicht wird, der Nutzer aber immer noch die Komfortzustände wie gewohnt einstellen kann.

Die Passivhaus-Idee ist in die Jahre gekommen. Haben Sie Ihr Ziel erreicht? Wie geht es weiter? Oder anders gefragt: wie werden wir 2040 bauen?

Die Erfahrungen mit dem Passivhaus belegen, dass dieser Ansatz rundum für alle Bauaufgaben funktioniert – und dabei bestmöglichen Komfort, gesunde Raumluft und eine hohe Dauerhaftigkeit erreicht. Wenn wir uns jetzt bequem zurücklehnen würden („Ziel erreicht“), dann würden wir der Realität nicht gerecht – wir arbeiten kontinuierlich daran, die Komponenten weiter zu verbessern und in noch größerer Vielfalt verfügbar zu bekommen – vor allem der Einsatz auch bei der Sanierung im Gebäudebestand ist dabei ein wichtiges Thema. Wir wollen dazu beitragen, dass das Bauen im Jahr 2040 komfortabler, nachhaltiger und kostengünstiger wird als heute – und dafür hat der Passivhaus-Standard einiges zu bieten.

Noch ein Wort zu unserem TRAV®frame, der soeben zertifiziert wurde. Wir sehen in diesem Leibungssystem einen möglichen neuen Industriestandard. Wie ist Ihre Einschätzung aus der fachlichen Distanz.

Es gibt viele gute Lösungen und wir freuen uns über jede, die auch besonders energieeffizient ist


Kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*